Milena Meller erzählt in ihren Arbeiten Geschichten. Geschichten von Orten und Räumen die ihr begegnen, die sie anziehen, auf die sie sich einlässt. Mit offenen Augen beobachtet sie die Welt um sich herum und reagiert darauf. Wie Schatten spürt sie in ihren Bildern Orten nach, die sich in mehrdeutigen Ebenen manifestierten. Im Zentrum ihres künstlerischen Interesses steht mit Fotografie oder Malerei festzuhalten, ohne einzugreifen. Dabei spielt für sie Licht, das die Dinge verwandelt, die Wahrnehmung verändert eine ganz entscheidende Rolle.

Wie eine Forscherin recherchiert, untersucht, dokumentiert, entdeckt und sammelt die Künstlerin urbane Spuren. In ihren Arbeiten geht es um „die Ästhetik von Durchgangsorten, Brachland und Peripherie, die durch Anonymität Freiräume bieten, Randzonen, die es ermöglichen, zu wuchern – mehr als notwendig in einer Welt, die durch und durch kontrolliert und gestaltet ist“, wie die Künstlerin meint.

 

Eine Auseinandersetzung mit urbanen Grenzbereichen und Zwischenräumen, auf der Suche nach Freiheit und Selbstbestimmung. Die Beschäftigung mit gerade solchen Orten ist durchaus auch als kritische Dimension in ihrer Arbeit zu verstehen. Andererseits sind es die Zonen der Durchlässigkeit, zwischen Innen – und Außenwelten, Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Sphären, die intime Einblicke gewähren.

 

Die verschiedenen Medien wählt sie bewusst aus und verwendet diese auch in unterschiedlicher Art und Weise, wobei der Faktor Zeit dabei sehr wichtig ist: Die Kamera wird für das schnelle festhalten eines Augenblicks verwendet. Zudem bleibt die Fotografie für die Künstlerin etwas immaterielles, faszinierendes, vielleicht auch etwas unheimliches. Auf der anderen Seite steht die langsam entstehende Malerei, wo jeder Pinselstrich kontrolliert werden kann und die für sie materielle Qualität besitzt.

Scheinbar gegensätzliches interessiert Milena Meller sowohl bei ihren „Motiven“, als auch bei den gewählten Techniken, die Fragen des Dazwischen-Seins aufwerfen und konträres miteinander verbinden.

 

Ihrem künstlerischen Konzept entsprechend arbeitet Milena Meller in Schichten.

In einem ersten Arbeitsschritt entstehen Fotografien, von denen auch viele so belassen werden, nicht zu letzt aufgrund einer fast malerischen Qualität. Andererseits dienen sie zur Dokumentation oder sind Ausgangspunkt für eine malende Untersuchung. Die ausgewählten Fotografien werden in verschiedenen Formaten fotorealistisch abgemalt (Acryl- und Ölmalerei). Diese werden allerdings verändert: Ausschnitte vergrößert, Details, sowie Ansichten des gleichen Objektes aus anderen Perspektiven gezeigt.

In einem nächsten Schritt werden diese Malereien wieder abfotografiert, und neue Ausschnitte und Details aus den nach der Fotografie gemalten Bildern ausgewählt. Die Künstlerin bedient sich „der Malerei als Untersuchung und Verwandlung sowohl der Dinge als auch der Fotografie“. Mit jeder Schicht geht sie immer stärker ins Detail und der Grad an Abstraktion nimmt zu. Die daraus entstehenden Unschärfen lassen die Grenzen der Medien Malerei und Fotografie verschwimmen.

 

Für die Ausstellung „stilles ufer“ im kooio hat Milena Meller den Ausstellungsraum und sein Umfeld erforscht: „Das Flussufer, eine unbeachtete Wildnis in der Stadt als freies Territorium, auf der anderen Seite die Markthalle und Parkhaus“. Daraus entstanden sind Arbeiten die ganz nah und weit weg zoomen, verdoppeln, unterschiedliche Schichten legen und Blickwinkel eröffnen. Ein oszillieren zwischen Innen und Außen, Intimität und Fremdheit, Nähe und Ferne, Vergangenheit und Gegenwart, immateriell und materiell. Zu sehen ist eine Serie die aus Fotografien, Malereien und Übermalungen besteht und die ein gemeinsames Bild über ihre Sichtweise über den Ort entstehen lassen. Die einzelnen Teile lassen sich als autonome Kunstwerke wahrnehmen, zugleich erscheinen sie aber auch in spannenden, bisweilen überraschenden Relationen zueinander. Die Künstlerin lädt die BesucherInnen auf vielfältige Weise ein sich auf die Geschichte die sie erzählt einzulassen.

An einem Punkt in ihrem künstlerischen Schaffen, an dem ihre Bilder mehr und mehr ins abstrakte kippen und sich vom ursprünglichen Motiv lösen, tauchen erstmal in einigen ihrer Arbeiten auch Teile des menschlichen Körpers auf. Ihren bisherigen autonomen Bildlandschaften wird eine neue Ebene übergeordnet und diese werden mehr und mehr zum Hintergrund. Ich bin gespannt wie sich das weiterentwickelt….

 

 

In der Ausstellung bietet Milena Meller auf höchst subtile Weise eine Reflexion der Wahrnehmung des Ortes und des Raumes an und macht deutlich, dass es sowohl auf einer inhaltlichen als auch auf einer formalen Ebene relevant ist, welchen Blickwinkel man einnimmt.

 

Cornelia Reinisch (Tiroler Künstlerschaft), 2010.